An den Hamburger Landungsbrücken liegt ein vergessener Raum, der eine ungewöhnliche Geschichte erzählt. Er wurde für Kaiser Wilhelm II erbaut, der ihn womöglich nie nutzte.
Die Rede ist von einem unscheinbaren Häuschen mit Backsteinfassade, das unter der Bahntrasse am Baumwall liegt. Erbaut wurde das Sielhaus im Jahr 1904 – für Kaiser Wilhelm II.
Die Kanalisation – im Hamburger Sprachgebrauch als „Siel“ bezeichnet – galt damals als technische Sensation. Denn das Hamburger Abwassersystem, entworfen nach Plänen des britischen Ingenieurs William Lindley, war das erste in Europa. In diesem Kontext entstand auch der besondere Bau am Baumwall als separater Zugang zur Unterwelt der Stadt.
Historische Hinweise deuten darauf hin, dass der junge Kaiser Wilhelm II. bei einem Hamburg-Besuch eine Bootsfahrt durch die neuen Sielanlagen unternehmen wollte. Damit der technisch interessierte Kaiser dabei nicht wie ein einfacher Arbeiter über eine Leiter in die Tiefe steigen musste, errichtete man ihm einen eigenen Einstieg samt unterirdischem Umkleideraum.
Heute kann der kaiserliche Einstieg in die Abwasserkanäle samt Umkleide sogar besichtigt werden – allerdings nur an einem Tag im Jahr. Am Tag des offenen Denkmals öffnen bundesweit jene Denkmäler, die normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind, ihre Türen.
So auch das Sielhäuschen in Hamburg. Der nächste Tag des offenen Denkmals findet am 13. September 2026 statt. Dann können Interessierte wie einst der Kaiser in die Hamburger Unterwelt hinabsteigen und sich Europas erstes Abwassersystem aus nächster Nähe anschauen.
William Lindley (1808–1900) war ein bedeutender britischer Ingenieur, der vor allem für seine Arbeit an der Hamburger Infrastruktur nach dem Großen Brand von 1842 bekannt ist. Im Kontext des Hamburger Hafens und der Stadtentwicklung geschah Folgendes:
• Planung und Bau des Hafens/Sielsystems:Nach dem Großen Brand 1842 war Lindley maßgeblich an der Konzeption des neuen Sielsystems (Kanalisation) beteiligt, das entscheidend für die hygienische Sanierung der Hamburger Hafen- und Innenstadtbereiche war.
• Gestaltung der Stadtlandschaft: Lindley entwarf Pläne für die Umgestaltung von Stadtgebieten, einschließlich der Erschließung von Gebieten wie Hammerbrook.
• Ehrung im Hafenbereich: Im Bereich des Hamburger Hafens und der Stadtentwässerung wird Lindley heute für seine Pioniertaten gewürdigt, unter anderem durch Skulpturen oder die Benennung von Objekten im Kontext der Hamburger Unterwelt.
• Technisches Erbe: Er setzte Maßstäbe für die Wasserversorgung und Entwässerung, die den Hamburger Hafen und die Stadt Hamburg grundlegend modernisierten.
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